Samstag, 24. Januar 2015

Lampenfieber 1.0

Wer kennt es nicht? 

Fangen wir mit einem mentalen Thema an...

Man ist kurz vor dem Aufritt, man hat wochenlang nur dieses eine Programm für heute geübt. Man kann endlich mal zeigen, was in einem steckt! Man ist gut vorbereitet und sollte sich eigentlich freuen, dass es gleich los geht... aber, was passiert? 
Genau: man kriegt sich vor lauter Panik nicht mehr ein. Einem schlottern die Knie, der Mund wird immer trockener, das Herz rast, Gedanken rasen wie auf einer Autobahn ohne Tempolimit vorbei, der Bauch kribbelt als sei man ein pubertierender Teenager der kurz davor ist seinen ersten Kuss zu bekommen und unser Körper schaltet um auf den "Steinzeitmensch-rennt-vor-Säbelzahntiger-weg"-Modus. Anstatt sich zu freuen, dass man gleich Musik machen darf, fühlt man sich als würde man gerade zur Schlachtbank geführt werden... 


Auch ich kenne das nur zu gut. Ich hatte früher immer sehr viel Probleme mit Lampenfieber; immer wenn ich ein Konzert hatte, egal ob solistisch oder im Orchester war ich immer sehr nervös und wäre am liebsten vor Solostellen aus dem Saal gelaufen.
Was mich persönlich aber am meisten ärgerte war, dass ich plötzlich nicht mehr meine Leistung bringen konnte und Fehler gemacht habe, die ich normalerweise mit normalem Puls und ohne Aufregung nie gemacht hätte. Das hat mich dazu angespornt dem Lampenfieber den Kampf anzusagen. 
Mit diesem Thema habe ich mich in den letzten Jahren also schon sehr ausführlich beschäftigt, da es jedoch ein ziemlich entscheidendes Thema für einen Musiker ist, muss es unbedingt noch einmal aufgeführt werden. 


Warum haben wir Lampenfieber?
Heutzutage haben wir ganz neue Bedrohungen im Vergleich zu unseren Vorfahren aus der Steinzeit. Außer uns Menschen selbst haben wir keine natürlichen Feinde. Und genau diese Wortwahl trifft es eigentlich -ohne eine politische Diskussion an dieser Stelle lostreten zu wollen- am besten: 
Unser heutiger natürlicher Feind ist unser eigenes Ego. Wir wollen immer gut da stehen, haben spätestens nach der Pubertät ein ausgeprägtes Schamgefühl und blamieren uns nur sehr ungern. Und auch, wenn wir perfekt vorbereitet sind, haben wir trotzdem noch Angst, dass etwas Unerwartetes passieren könnte und uns in ein, aus unserer Sicht, völlig falsches Licht stellt. 

Was hilft dagegen?
Klar, man könnte natürlich sagen: "Sieh das ganze einfach nicht so eng! Nobody is perfect!". Aber wer einmal unter Lampenfieber gelitten hat weiß, dass das nicht so einfach ist, denn der Verstand darf nur geringfügig mitreden, wenn sich der Körper auf Autopilot schaltet und die Nerven mit einem durchgehen. 

Warum sich das dann ein Leben lang antun?
Wenn ich Freunden, die nichts mit Musik oder eben nur als Hobby damit zutun haben von meinem Lampenfieber erzählt habe, kam meistens ein erstauntes: "Warum willst Du denn dann Musiker werden? Das würde ich mir nicht ein Leben lang antun!" Ganz ernsthaft? Manchmal wusste ich es selbst nicht. Aber in den optimistischen Momenten dachte ich mir: 
"Weil es nichts Besseres gibt, als schon gespielt zu haben und die Bühne gerockt zu haben!"                                        
Darum. 

Gibt's jetzt endlich Tipps?
Ja, jetzt gibt es Tipps. 

Tipp 1: Imaginäres Konzerterlebnis ohne negative Gedanken
Stell Dir die Konzertsituation genau vor und verbanne negative Bilder aus deinem Kopf. 
Das kann damit anfangen, dass Du dich ein paar Tage vor dem Konzert in deine Lieblingsdecke einwickelst und dann erstmal im Kopf die Situation so detailliert wie möglich durchgehst. Schau dir vorher den Raum an, in dem du spielen musst, damit du das einbauen kannst. Stellt Dir vor, wie du auf die Bühne gehst, wie du einstimmt, (bei Bläsern) Wasser rauslässt, (bitte nicht bei Pianisten) das Instrument hochnimmst oder die Noten richtest. 
Kommt in deinen Gedanken plötzlich vor, dass Du einen trockenen Mund hast oder Du dich verspielst? Dann Stopp und noch einmal von vorne. Du wirst merken, dass es dir immer leichter fällt, dir das Ganze vorzustellen. Im besten Fall hast Du auch hier schon ein leichtes Kribbeln im Bauch. 


Tipp 2: Richtig gut vorbereitet sein!
Das ist schon das A & O beim Vorspielen mit Nervosität. Es soll zwar Menschen geben, die bei Aufregung noch besser werden, man sollte das jedoch nicht gerade bei einem wichtigen Vorspiel ausprobieren… 


Tipp 3: Einfach jedem vorspielen, so viel wie möglich
Wenn Du übst und es geht jemand an deinem Überaus vorbei - greif ihn Dir und spiel ihm vor! Dadurch wird dir das Gefühl genommen, „überrumpelt“ zu sein wenn Du spielen musst und Du bist jederzeit bereit. :-) Nimm Dir auch ‚unangenehme‘ Zuhörer, wie andere Trompeter oder Familienmitglieder, eben solche vor denen Dir das Spielen am unbequemsten ist. Mit der Zeit wirst Du dich immer mehr daran gewöhnen.


Tipp 4:Rituale vor Konzerten finden die Dir helfen!
Die einen finden für sich heraus, dass sie vor einem Konzert den Tag genau planen müssen zum Beispiel darauf achten, was sie essen, wieviel sie trinken, dass sie sich den Tag über schonen oder sogar einen Tag vor dem Konzert gar nicht spielen. Direkt vor dem Konzert trinken einige sehr viel Wasser (das beruhigt und beugt einem trockenem Mund vor), andere müssen sich eine Flasche Wasser oder sogar eine Zitronenscheibe (in einem Tuch zum reinbeißen damit der Speichelfluss angeregt ist) mit auf die Bühne nehmen und wieder andere machen Atemübungen. 
Hier gibt es kein richtig oder falsch. Du musst für dich austesten was dir hilft und das zu deinem Konzertritual machen. Rituale helfen, dass man ruhig wird und die Gedanken frei werden. 


Tipp 5: Musik machen! Werte dein Spiel nicht schon beim Spielen!
Wer auf der Bühne zuviel analysiert hat schon verloren. Konzentrier dich auf die Musik die Du jetzt in diesem Moment machst und die Interpretation die Du dir lange erarbeitet hast, denke nicht an Fehler die Du gerade gemacht hast oder an Fehler, die Du vielleicht machen wirst. Versuche deine Musik im hier und jetzt zu genießen. 


Tipp 6: ein karikativer Worst-Case Auftritt
Schnapp Dir deine besten Freunde und plane mit ihnen einen karikativen Auftritt. Du schreibst Dir vorher auf, was bei einem Konzert so alles schief laufen kann und dann spielst Du deinen Freunden vor. Tu alles, damit deine Liste komplett beim Vorspielen komplett abgehakt wird. Wenn Du Angst vor einem trockenem Mund hast, iss zum Beispiel vorher eine Chillischote. Spiele falsche Töne, lass den Dämpfer runterfallen, stimme falsch ein, aber unterbreche deinen Vortrag nicht. Nimm das ganze mit einer Kamera auf, um einen Eindruck von deinem Worst-Case Auftritt zu bekommen, Du wirst staunen wie locker Du auf der Bühne wirst wenn Du mit einem Lachanfall weiterspielen musst. Lachen macht übrigens auch schön locker. :-) 


Tipp 7: Bühnen- präsenz üben
Ist für manche vielleicht genauso ungewöhnlich wie der vorherige Tipp. Übe vor dem Spiegel auf die Bühne zu gehen, dich zu verbeugen, dein Programm anzusagen, etc. 
Und achte mal auf deinen Atem: Hälst Du ihn an während auf die Bühne gehst? Versuche mal was Dir besser gefällt, einatmend oder ausatmend auf die Bühne zu gehen und probier das beim nächsten Mal aus.
Versuche auch zu üben, wie Du beim Vortrag stehst und wie Du dich dabei wohlfühlst. Nimm dir dann beim Vortrag genug Zeit um diesen Wohlfühl-Stand einzunehmen. Viele strecken vor Aufregung die Knie durch oder stehen stocksteif da und erschweren es sich dadurch locker zu spielen. 


Tipp 8: Dein Spielgefühl sagt sehr wenig über deinen Klang aus.
Wenn wir uns müde fühlen, die Lippen vom letzten Tag noch platt sind oder sonstiges denkt man automatisch, dass man auch schlechter klingt. Das ist nicht unbedingt richtig, es kommt nur bei uns selbst so an, weil wir uns beim spielen heute mehr anstrengen müssen. Nimm’ Dich gerade an schlechten Tag mal auf, Du wirst sehen, dass es vielleicht gar nicht so einen großen Unterschied ausmacht. 


So, ich würd' mich natürlich sehr freuen wenn ihr mir schreibt, ob euch das ein oder andere hilft und welche Strategien ihr so habt. Bis bald! 

Eure Mareike



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